Erik Wirz wird in diesem Artikel zitiert, der ursprünglich in SonntagsZeitung von Isabel Strassheim veröffentlicht wurde
Roche-Chef auf heikler Mission: Thomas Schinecker kämpft als einziger Pharma-Boss um eine Lösung im Preisstreit mit den USA. Wegen Donald Trump sollen die Kosten für neue Therapien in der Schweiz stark steigen.
Thomas Schinecker ist der Chef von Roche. Die Basler Firma ist einer der grössten Pharmakonzerne der Welt. Schinecker gehört zu den bestbezahlten Managern der Schweiz. Obwohl seine Agenda voll ist, engagiert er sich freiwillig. An manchen Wochenenden steht er als Schiedsrichter auf dem Fussballplatz.
Der Verein eines seiner Kinder hatte die Eltern danach gefragt. «Ich fand das gut und habe mich als Aushilfsschiedsrichter in die Liste eingetragen.» Auf dem Fussballplatz erkenne ihn niemand. «Ich habe dann ja keinen Anzug an», sagt der 51-Jährige.
Das passt gut zur Roche. Sie ist zwar die wertvollste Schweizer Börsenfirma (Marktwert: 262 Milliarden Franken). Aber die Pharmabranche stellt ihren Gemeinsinn, ihren nicht allein auf Geld basierenden Zweck in den Vordergrund. Auch der Molekularbiologe Schinecker, der Krankheitsprozesse aus dem Stegreif besser erläutern kann als mancher Arzt, spricht vom «Purpose» bei Roche und den gut 100’000 Mitarbeitenden. Er meint damit die Forschung an Arzneimitteln für noch unheilbare Krankheiten.
Doch als Konzernchef und Präsident des Weltverbandes der Pharmaindustrie IFPMA offenbart er seit diesem Jahr auch das andere Gesicht der Pharmaindustrie: das der Gewinnmaximierung.
In den nächsten Tagen werden Roche, Novartis und auch Lonza ihre Geschäftszahlen vorlegen. Fallen die Resultate zu gut aus, kocht auch die Frage nach den Gewinnen der Branche und den Medikamentenpreisen wieder hoch – für die Schweiz eine der derzeit wichtigsten Fragen.
Bislang finanzierten sich die Pharmafirmen hauptsächlich über ihre Erträge aus den USA. Auch Roche macht dort 50 Prozent des Umsatzes. Medikamente sind in den USA weltweit am teuersten. Dies, weil die Firmen dort selbst ihre Preise festsetzen und sogar jährlich erhöhen dürfen. Präsident Donald Trump will das ändern und sie an andere Industriestaaten koppeln, auch an die Schweiz. Damit werden die hiesigen Preise für neue Medikamente zur Vorgabe für den riesigen US-Markt.
Die Pharmafirmen stimmten sich an mehreren Sitzungen des Verbands ab. Sie drohen, Medikamente in der Schweiz und anderen kleinen Märkten, die US-Referenzstaaten geworden sind, zu bisherigen Preisen nicht mehr zu lancieren. Trumps Ziel ist, dass Europa mehr für neue Therapien zahlt. Dies fordert er immer wieder.
Auch Schinecker warnt, dass Roches neues Brustkrebsmedikament in der Schweiz nur verzögert auf den Markt kommen könnte. Zugleich aber sagt er: «Ich will, dass Patientinnen auch in der Schweiz Zugang zu diesem Medikament haben, und deshalb kämpfe ich dafür.»
Deshalb begibt er sich mitten ins Spannungsfeld und lobbyiert in Bern für höhere Medikamentenpreise. Von ausländischen Pharmafirmen hört man, dass sie auf Schinecker setzen, da sie selbst in der Schweizer Politik kaum Gewicht haben. Denn Vas Narasimhan, der Chef des anderen Schweizer Pharmakonzerns Novartis, spricht nicht in Bern vor. Der Heimmarkt ist für ihn unwichtig.
Für Roche dagegen hat die Schweiz Bedeutung. Die Erbenfamilie lebt grösstenteils hier und will sich weiter öffentlich präsentieren: Maja Hoffmann, eine der Erbinnen der vierten Generation, ist etwa Präsidentin des Locarno Film Festival.
Deshalb ist Schinecker als Vermittler unterwegs. Er hat nicht nur beim Fussball den Blick fürs Ganze, sondern auch politisches Gespür. «Wir müssen für die Schweiz eine Lösung finden», betont er.
Seit drei Jahren führt Schinecker Roche – und hat sich dabei seine natürliche Art bewahrt: Er spricht selten in Worthülsen und erzählt auch Persönliches. So setze ihm der Jetlag nach Geschäftsreisen zu. Auch Fragen nach der Erziehung seiner Kinder, die Männer mit CEO-Rolle meistens abwehren, weicht er nicht aus. «Der Handykonsum ist bei uns ein Thema, und meine Frau sorgt dafür, dass auch ich zu Hause nicht zu oft auf den Bildschirm schaue.»
Einen hinter den Kulissen heiss diskutierten Pharmafonds kommentiert Schinecker nicht. Der Vorschlag kommt vom runden Tisch in Bern, an dem Branchenverbände und Politik sitzen. Roche selbst ist nicht dabei. Der Einfluss des Konzerns ist jedoch gross.
Die Kantone sollen einen Pharmafonds äufnen, wie diese Redaktion bekannt gemacht hatte. So sollen Schweizer Medikamentenpreise erhöht werden, ohne dass die Prämienzahler das stemmen müssen. Inzwischen formiert sich jedoch Widerstand in einigen Kantonen. Derzeit äussert sich niemand genauer zum Stand der Verhandlungen.
Klar ist, dass ein Weg gefunden werden muss, damit Pharmakonzerne ihre neuen Therapien weiter in der Schweiz anbieten. Sonst kommen Kranke hier nur noch mit grosser Verspätung oder gar nicht an neueste Medikamente. In Entwicklungsstaaten ist das schon lange so und zeigt, wie kaltblütig Pharmafirmen kalkulieren.
Dabei sind die Margen der Branche hoch: Roches Betriebsgewinn liegt bei enormen 35 Prozent des Umsatzes. An die Roche-Erben und die anderen Aktieninhaber flossen letztes Jahr 8 Milliarden Franken an Dividenden. Das heisst, 60 Prozent des Reingewinns gehen an die Aktionäre.
Doch Roche reinvestiert auch: Rund 12 Milliarden Franken fliessen jährlich in die Forschung. Einige Firmen haben jüngst einen Jobabbau bekannt gegeben, für Roche trifft das Gegenteil zu: «Die Zahl unserer Mitarbeitenden in der Schweiz wie auch global ist weiterhin stabil bis leicht steigend», sagt Schinecker.
Im ersten Semester gab es ein Plus von über 100 Stellen in der Schweiz. «Wegen der Einführung der OECD-Mindeststeuer werden wir aber in der Schweiz weniger Stellen als ursprünglich geplant aufbauen, denn wir müssen hier rund 200 Millionen Franken mehr Steuern zahlen.»
«Von Roche wollen nicht viele weg, das Wechselkarussell hat sich schon mal schneller gedreht», sagt Erik Wirz. Der Schweizer Headhunter arbeitet vor allem für Pharma- & Biotechfirmen. Wirz zufolge ist Schinecker beliebt bei den Angestellten, er werde für seine klaren, gut begründeten Entscheidungen geschätzt wie auch für «seine wissenschaftliche Kompetenz».
Roches Forschung, bei der sich vorher kaum ein Konzernchef getraut hatte reinzureden, hat Schinecker Grenzen gesetzt: Neu konzentriert sich die Forschung auf fünf Krankheitsgebiete, und jedes Projekt muss sich regelmässig einer Risiko- und Kostenabwägung unterziehen. An welchen Medikamenten forscht der Konzern?
«Roche geht in seiner Forschung – anders als Novartis – vermehrt auch Massenkrankheiten an», sagt Vontobel-Analyst Stefan Schneider. Dass der Konzern seit Jahresbeginn an der Börse hinter der Kursentwicklung von Novartis und anderen Pharmakonzernen liegt, hänge vor allem an Misserfolgen von 2022 und deren Nachwehen. «Bis sich der Kurs davon vollständig erholt, dauert es», so Schneider.
Roches Risikoappetit zeigt Schineckers Einstieg in die Forschung zu neuen Abnehmtherapien: Er kaufte für bis zu 12 Milliarden Franken Firmen oder Lizenzen, um an neuen Molekülen gegen Fettleibigkeit sowie Folgeerkrankungen wie Fettleber zu forschen. Das erste Medikament könnte Roche 2028 auf den Markt bringen. Doch dieser lockt auch andere Firmen. «Aktuell ist eine Rekordzahl an klinischen Studien für neue Therapien auf dem Weg – die Konkurrenz ist enorm», so Vontobel-Analyst Schneider.
Schinecker hat aber mehr im Blick: Er will den bei Adipositas funktionierenden Wirkmechanismus bei anderen, bislang kaum therapierbaren Massenerkrankungen wie Alzheimer testen. Dafür nutzt er Roches riesiges Repertoire: Die Diagnostiksparte entwickelte einen Test zur Alzheimer-Früherkennung und die Überwachung des Krankheitsverlaufs. Die Pharmaforschung auf anderen Gebieten wie der Neurologie könnte den Wirkstoff kombinieren.
Wenn Roche in der Alzheimer-Forschung eines Tages Erfolg haben sollte, stellt sich erneut die Frage nach den Therapiekosten – und ob Krankenkassen sie finanzieren können. Die Preisfrage wird auch künftig zentral bleiben – Trump hat sie nur beschleunigt. Schinecker wird weiter im Spannungsfeld zwischen Gemeinsinn und Gewinnmaximierung stehen.